Wednesday, September 17, 2025

„Sozialismus ist keine Utopie – er ist voller Leben“

Pelle Dragsted von der dänischen rot-grünen Partei Enhedslisten spricht über sein neues Buch „Nordic Socialism“

In den letzten Jahren wuchs das Interesse am Sozialismus wieder, oft genährt durch wachsende Ungleichheiten, die Klimakrise und das Scheitern neoliberaler Politik. Doch wie sieht Sozialismus aus, wenn er bereits in alltäglichen Institutionen existiert? 

Pelle Dragsted, Abgeordneter im dänischen Folketing für die rot-grünen Enhedslisten, sieht das nordische Modell als Antwort – und die demokratischen und gemeinschaftlichen Elemente, die es bereits beinhaltet. Sein 2021 veröffentlichtes Buch „Nordisk Socialisme“ wurde in seinem Heimatland von der Kritik gelobt und regte eine öffentliche Debatte an, einschließlich einer zehnteiligen Diskussionsreihe in der Zeitung Information. Kurz darauf wurde das Werk ins Schwedische übersetzt; und nun wird es endlich auch auf Englisch veröffentlicht.

In seinem Buch analysiert Dragsted anhand der wirtschaftlichen und politischen Erfahrungen in Dänemark die Strategie der Linken und interpretiert diese neu, was zu einigen unorthodoxen Schlussfolgerungen führt. Ihm zufolge hindert die Sichtweise, dass die Gesellschaft vollständig vom Kapitalismus durchdrungen sei, die Linke daran, wahrhaftige sozialistische Alternativen zum Kapitalismus zu schaffen, und verschleiert den Wert von Einrichtungen wie Mitarbeiterunternehmen und dem nicht der Marktlogik unterworfenen öffentlichen Sektor.

Dragsted betont, dass unsere Gesellschaften tatsächlich eine Mischung aus Kapitalismus und Sozialismus seien (je nach Land in unterschiedlichem Maß) und dass Bestrebungen, den Kapitalismus zu stürzen und durch Sozialismus zu ersetzen, kontraproduktiv seien und radikalen Reformen im Wege stünden, die die demokratischen und sozialistischen Aspekte der Gesellschaft stärken könnten. Auf Grundlage dieser Analyse schlägt er zehn Reformen für eine deutlich demokratischere Wirtschaft vor.

Mit Blick auf die Veröffentlichung seines Werks auf Englisch bei University of Wisconsin Press war der Autor jüngst mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf Werbetour in den USA. Unterwegs sprach er mit Duroyan Fertl über sein Buch – darüber, was ihn dazu bewegt hat, und wie der Weg zu einer demokratischen Wirtschaft in Dänemark und anderswo aussehen kann.

Duroyan Fertl: Ihr Buch „Nordic Socialism“, wie es in der neu erschienenen englischen Übersetzung heißt, befasst sich mit der wirtschaftlichen und sozialen Geschichte Dänemarks und anderer nordischer Länder sowie mit Projekten, die eine demokratischere Wirtschaft anstreben. Darüber hinaus greift es übergeordnete philosophische und politische Debatten rund um die Linke auf – Fragen wie Freiheit und Demokratie, aber auch sozialistische Strategie – und liefert konkrete Vorschläge zur Förderung des demokratischen Sozialismus. Was hat Sie dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben, und was hoffen Sie damit zu erreichen?

Pelle Dragsted: Dieses Buch entstand aus einem Gefühl der Dringlichkeit. Es wird immer offensichtlicher, dass wir nicht weiter zulassen können, dass der Kapitalismus unsere Wirtschaft dominiert – nicht nur, weil er ungerecht ist, sondern auch, weil er das Fundament der Demokratie selbst untergräbt, wie wir in den USA erleben. Die für den Kapitalismus typische Konzentration von Vermögen führt zu oligarchischer Macht. Dadurch beruht politischer Einfluss nicht mehr auf einem demokratischen Mandat, sondern auf der Kontrolle über Vermögen und Wirtschaft. Das ist nicht etwa ein Mangel, sondern vielmehr ein unvermeidliches Merkmal der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse.

Sozialismus: von der Utopie zur Wirklichkeit

Aber es ist einfach, den Kapitalismus schlechtzureden. Darin war die Linke schon immer gut. Immer mehr Menschen stimmen zu, dass unser heutiges Wirtschaftsmodell nicht haltbar ist. Warum gibt es dann keine Mehrheit für einen Wandel hin zu einem Modell einer gerechteren, demokratischeren Wirtschaft, zu dem, was wir Sozialismus nennen würden? Das liegt unter anderem daran, dass die Linke sehr gut darin ist, Kritik zu üben und pauschale Aussagen über sozialistischen Wandel zu machen, aber weniger gut darin, eine gangbare Alternative anzubieten und Antworten auf die schwierigen Fragen zu geben, die rund um die Demokratisierung von Wirtschaft, Arbeit und Teilen des Marktes aufkommen.

Zu lange wurde der Sozialismus als Utopie betrachtet und nicht in unseren alltäglichen Kampf integriert – weder in Parlamenten oder Gewerkschaften noch in Volksbewegungen. Die Motivation für mein Buch war, den Sozialismus greifbarer, verständlicher und gangbar zu machen. Ich wollte ihn aus dem Reich der Utopien in unser tägliches Engagement bringen.

Ich freue mich sehr, dass das Buch jetzt auf Englisch veröffentlicht wird. Es ist der richtige Zeitpunkt. Die Welt braucht mehr denn je eine konkrete Alternative zum Neoliberalismus der Mitte und zum Populismus der Rechten. Derzeit bin ich in den USA, wo der demokratische Sozialismus durch den Sieg von Zohran Mamdani bei den New Yorker Vorwahlen [für die Bürgermeisterwahl am 4. November] erneut in den Vordergrund gerückt ist. Wenn mein Buch demokratischen Sozialist*innen in aller Welt dabei helfen kann, wirksamer für eine sozialistische Alternative zu werben, wäre das ein riesiger Erfolg.

 Lesen Sie den vollständigen Artikel auf der Website der Rosa-Luxemburg-Stiftung - Büro Brüssel.

  

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